"Nein, wir bewegen uns keinen Zentimeter weiter. We must be realistic."
So koennte man das gestrige "Technical Briefing on Agriculture" der EU zusammenfassen. Eine Darstellung dessen, was mit der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU schon erreicht wurde, ein bisschen Bashing der USA mit ihren "countercyclical payments" (d.h. Ausgleichszahlungen, die bei niedrigen Warenpreisen auf den Agrarmaerkten an die Landwirte bezahlt werden) und ein bisschen Power-Point-Magie. Mehr ist nicht drin, erstmal muessen sich die USA bewegen. Interessant war, was ausgeklammert wurde...so etwa das Thema Entwicklungspolitik. Das reduzierte sich darauf, zu erklaeren, man ginge mit allen wesentlichen Positionen der G20 (also der Koalition von Agrarstaaten aus dem Sueden, u.a. Thailand, Brasilien und Indien) weitgehend konform...
Einige meiner Interviewpartner, mehrheitlich aus Laendern des globalen Suedens, bringen es auf den Punkt: Stubbornness. Stubbornness, die verhindert, dass es mal zu substantielleren Veraenderungen im Agrarsektor kommt.
Franziska Müller - 14. Dez, 16:11
Hier ist es schon frueher Nachmittag und ich wusele gerade an meinem neuen Arbeitsplatz herum. Mein neuer Arbeitsplatz besteht aus zwei von mir stets bewachten Stuehlen (leider eine recht knappe Ressource) zu denenich meine Interviewpartner ("Excuse me, Sir...")lotse, um sie dann in eingehende Gespraeche zu verwickeln. Ansonsten sind wir auf den vielen vielenVeranstaltungen unterwegs, gerade zum Agrarsektor und zu entwicklungspolitischen Themen wird sehr viel von NGOs angeboten. Von den Delegierten bekommen wir hier hingegen wenig zu Gesicht, nur aus Geruechten oder aus den Nachfragen eingeweihter Journalisten bei den
Pressekonferenzen kann man schliessen, was der Stand der Verhandlungen aktuell sein koennte.
Wir sind hier weitgehend von der Aussenwelt abgeschottet. Waehrend man am Sonntag noch ohne
Durchsuchungen hineinkam, muss man jetzt drei oder vier Absperrungen und einen Metalldetektor passieren.
Auf den Strassen patrouilliert zunehmend Riot Police, martialisch-militaerisch aussehende Gestalten,
teilweise mit langlaeufigen Gewehren oder grossen Traenengaspatronen auf dem Ruecken. Natuerlich ist es
immer recht willkuerlich, wer dann tatsaechlich wo langlaufen darf und wer nicht. Die meisten Schulen hier in Wan Chai haben geschlossen, und rund um das Konferenzzentrum ist der Verkehr weitgehend zum Stillstand gekommen.
Franziska Müller - 14. Dez, 14:34
So, jetzt bin ich hier angekommen. Ueberwaeltigend, bunt, laut, dreckig, froehlich und immer in Bewegung...so lassen sich die vielen vielen Eindruecke, die hier auf mich einprasseln vielleicht fassen. Ich habe am Samstag miterleben duerfen, was so ein WTO-Aufklaber auf meinem verschwitzten T-Shirt so alles ausmacht. Weil ich auf Nachforschung nach meinem Rucksack etwas spaeter dran war, habe ich naemlich die geballte Hoeflichket der strategisch auf dem Flughafengelaende positionierten Begruesungskomitees erfahren duerfen. Also eigentlich hatte ich ja schon in Hamburg nachgeschaut, welchen Sonderbus die WTO zu meinem Hotel fahren wird. Aber freundlich laechelnde & einen eifrig an der Hand durch die Gegend geleitende WTO Volunteers haben mir das noch etwa 10Mal erklaert.
Eine aeusserst sonderbare Erfahrung. Teil der Inszenierung war dann auch noch das huebsche Zuwinken, als der Bus sich
auf den Weg gemacht hat...
Gestern war ich ausserdem noch bei der Auftaktdemo mit einer wilden Mishcung von Landarbeitergewerkschaften und Migrantenorganisationen, StudentInnen, die gegen die Privatiserung von Bildung im Rahmen von GATS protestierten, Antiimps mit teilweise obskuren Parolen, La Via campsina, Diverse Women for Diversity und attac und hab da auch Gregor von den Biopiraten getroffen. Sehr bunt, sehr friedlich, und mit grossem Interesse von der Bevoelkerung wahrgenommen. Gefreut hat mich insbesondere, dass viele gewerkschaftlich organisierte und freie Gruppierungen von MigrantInne aus Hong Kong an der Demo teilgenommen haben. Allerdings berichtete "The Standard" am naechsten Tag, dass im Vorfeld vielen Hausarbeiterinnen von ihren Arbeitgebern untersagt worden war, an der Demo teilzunehmen.
Hier gibt es eine Fuelle von NGO-Veranstaltungen und Side Events und diese zumindest werden ganz eindeutig durch die
umweltpolitische Szene, und durch NGOs aus dem Sueden dominiert...es ist gar nicht so leicht, sich zu entscheiden wo ich jeweils hingehen will. Und ich haette nicht gedacht, wie einfach es ist, mit Leuten ins Gespraech zu kommen. Es gibt wohl genug, was verbindet. Allerdings bin ich auch eher in der NGO-Ecke unterwegs.
Zur Zeit sind noch nicht viele Leute da und deswegen hat uns gerade eine chinesische Tageszeitung als Vertreter der Weltpresse abgelichtet ;-) Die Polizeipraesenz ist ganz schoen hoch und auch wenn die PolizistInnen sehr zuerueckhaltend wirken, anders als ich das aus Deutschland gewohnt bin, schafft das eine bedrohliche Atmosphaere.
Franziska Müller - 14. Dez, 14:32